Machtspiele plus Hingabe gleich Gebunden

Veröffentlicht 26. Januar 2016 von karimausi

Ich habe gerade die schon etwas älteren Werke „Machtspiele“ und „Hingabe“ (die es mittlerweile nicht mehr als einzelne eBooks gibt, sondern die unter „Gebunden“ zusammengefasst wurden) von T.S. Bordeme (Tomasz  und Sonja) gelesen… also gehört. Es handelt sich um insgesamt sechs Kurzgeschichten, natürlich im BDSM Umfeld. Wie immer finde ich die ersten Seiten in einem neuen Buch schwierig. Man hat gerade eine andere Geschichte abgeschlossen, hat sich an den Satzbau und die Wortwahl eines oder einer Autorin gewöhnt und dann kommt da was völlig Anderes und Neues.

Ich bin also auf meinem Spaziergang in die erste der Geschichten aus „Machtspiele“ gestolpert: „LEGO“. Aus der Sicht eines Mannes und Doms… völlig ungewohnt. Ein Blick in die Gedanken des anderen Geschlechts. Die ersten Momente waren komisch – wie gesagt, über Stunden den Schreibstil eines anderen Autors gehört und dann völlige Umgewöhnung – doch der Moment hielt nur kurz an und dann lag ich vor Lachen schon fast das erste Mal im Graben (nur kurz zur Erläuterung, da meine Lektorin – wie vermutlich du auch, lieber Leser – über das „im Graben“ gestolpert ist („lag vor Lachen auf dem Boden, oder?“) – nein, ich meine das tatsächlich wortwörtlich – ich habe so gelacht, dass ich nicht mehr darauf geachtet habe wo ich lang laufe und wäre fast in einen Graben am Wegesrand gestürzt! ;-)). Nicht nur, dass meine Vorlesedame ganz enorme Probleme mit dem Wort „klingonisches Raumschiff“ (1712 Legosteine) hatte – was aus dem Kontext gerissen irgendwie auch so gar nicht in eine BDSM Kurzgeschichte passen mag (ihr müsst sie schon lesen um herauszufinden, warum es seine überaus wichtige Daseinsberechtigung hat) – nein, ich habe mich spontan in den Schreibstil, die Wortwahl so wie die aufmüpfige Sub und ihre einfach geniale „wie reize ich meinen Dom am besten“ Idee verliebt. Sie hat den gleichen Schelm im Nacken sitzen, wie ich. Aber noch schöner als das, waren die Gedanken des Doms. Ich habe öfters laut lachen und eigentlich fast immer über diese Beschreibungen, die Gedanken des Dom – die ihn einfach nur süß erscheinen lassen und man ihn am liebsten gleich mal durchknuddeln würde – sowie die Dinge, die nicht so laufen, wie sie laufen sollten, schmunzeln müssen. Man merkt beim Lesen, wie viel Spaß es dem Autor (ich gehe mal davon aus, dass es Tomasz war) gemacht haben muss, diese Geschichte zu schreiben. Es ist jetzt keine Geschichte, die mich sexuell erregt hat – so viel Sex kommt da jetzt auch wirklich nicht drinnen vor -, aber sie ist eine wundervolle Anekdote aus dem Leben eines 24/7 DS Pärchens.

Mit „Aufklärung“ verhält es sich kaum anders. Hier tritt der Sex völlig in den Hintergrund. Wie der Autor (Sonja?) selbst beschreibt, handelt es sich um eine Dorfposse. Nach den ersten paar Sätzen ist man geneigt einfach nur ein „Oh nein!!!“ herauszuschreien, verfällt dann erneut wie beim „LEGO“ in ein Dauerschmunzeln, leidet irgendwann mit der Protagonistin (möchte sich gar nicht vorstellen, wenn das einem selbst passieren würde), um dann schließlich gebannt auf die Auflösung der ganzen Situation zu warten. Mehr möchte ich hierzu auch nicht verraten, außer, dass ich diese Kurzgeschichte auf einer Autofahrt gehört habe – und ich bin noch zehn Minuten auf dem Parkplatz im Auto sitzen geblieben, damit ich nicht, ohne die Auflösung zu kennen, ins Meeting musste.

Die dritte Story im Bunde – „Ein Fernsehabend“ – sagt glaube ich schon alles aus – da kann ich auch eigentlich nicht viel zu schreiben, außer, dass es sich um eine, in eigentlich nur einem Punkt abweichende sehr kurze Erzählung (ich hab nun mal eine Domme und keinen Dom), über einen Fernsehabend (bei uns Fußball) im Hause S. handeln könnte. Der hat eigentlich nahezu immer den auch in dieser Kurzgeschichte beschriebenen Ablauf. 😉
Der Schreibstil bricht hierbei allerdings voll aus dem Standard aus. Erfrischend anders.

Nachdem das erste Buch aus war, habe ich dann auch gleich zum Zweiten, was mir vor lag, gewechselt. In „Bazar“ sehen wir Leser durch die Augen einer Europäerin, die sich in einen Araber verliebt, von ihm freiwillig „versklavt“ wird und letztendlich irgendwo im Orient auf dem Sklavenmarkt landet. Immer wieder eingeworfen erfährt man, wie es soweit kommen konnte. Auch wenn ich persönlich bei der „Sklaverei“ ja mehr auf den Zwang-Anteil (ein bisschen unfreiwillig) stehe und gerade den Kampf mag, hat mir diese Kurzgeschichte trotzdem gefallen, auch wenn dieser Part hier so überhaupt nicht vorkommt, sondern die Hauptfigur alles wirklich freiwillig „erleidet“. Aber gerade diese ganze Situation „Sklavenmarkt“ fand ich doch sehr heiß (und werde mich bemühen heute Nacht diese Szene in einem ebenso heißen Traum nachzuträumen). Und trotz meiner sonst so guten Nase für das Ende wurde ich da noch mal überrascht. Mag vielleicht auch daran liegen, dass ich beim Vorlesen lassen nicht sehe, wie viele Seiten es noch bis zum Ende sind und ich so nicht abschätzen kann, ob da noch viel Story kommt, oder sie gleich rum ist.

„Selena“, Geschichte Nummer zwei, fand ich ein bisschen… ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll… das Ende hat mich ein wenig wütend zurück gelassen. Ich hasse offene Enden noch dazu… aber mehr darf ich hier nicht verraten. Also unpräzise. Ich finde das Ende macht ein wenig nachdenklich und alle meine noch nicht benutzten mütterlichen Schutzinstinkte (auch wenn die Protagonistin wohl älter ist als ich) sind angesprungen. Ich wollte in das Buch rein und irgendwie helfen, beschützen.

Mit „Lesesaal“ wurde ich völlig überrascht. Die Geschichte kommt ein bisschen wie eine Unvollendete – man möchte wissen, wie es nach den wenigen Seiten, die eine tolle Einleitung für eine bestimmt ebenso tolle Geschichte sein könnten, weitergeht. Kein Sex, keine Schläge, kein BDSM – eigentlich geht es nur um Vertrauen – und das super schön an den Leser gebracht. Ich muss gestehen, dass ich die entscheidende Situation der Erzählung in den letzten Tagen auch selber als einen möglichen (würde ich sofort machen) Beweises meines Vertrauens zu Melli benutzt habe.

Fazit: Sehr schöne Kurzgeschichten, manchmal ein bisschen zum Nachdenken, manchmal erregend, manchmal humorvoll und witzig – eine tolle Mischung.


 

Ich weiß jetzt ziemlich genau nach der Korrekturmail von S. (meiner guten Fee für fehlende Kommata und sonstige Rechtschreibfehler), dieser Beitrag hat 8 Absätze – und ich blöde Vollpfostin habe Tomasz noch, nach dem er die Vorabversion von mir zu lesen bekommen hat (damit er weiß, auf was er sich einstellen kann) noch geschrieben, ich zitiere aus meiner Mail: „Dann geht die Rezi jetzt noch mal an meine Lektorin – nicht bevor ich Absatznummerierungen hinzugefügt habe… in dem Durcheinander heute morgen habe ich nämlich diese bei der letzten Rezi schon wieder vergessen… und ich hasse doch das Tatzengeben… und jetzt gleich zwei mal hintereinander.“

23 Kommentare zu “Machtspiele plus Hingabe gleich Gebunden

  • Wundervoll geschrieben. Danke schön. 🙂
    Wenn ich irgendwann in zigtausend Jahren mal endlich einen Ebook-Reader besitzen darf *grmpf* dann werde ich das hoffentlich nicht vergessen haben, mir zu holen!
    Wie lange brauchen Tatzen zum Verheilen und werden sie auf oder in die Hand verteilt?
    liebe Grüsse
    kitty

    Gefällt 1 Person

  • Yuo
    Hier ist allerdings besonders schön, dass …
    … Man macht sich Gedanken beim Schreiben, wie man sich wünscht dass die Geschichten aufgenommen, verstanden und empfunden werden sollen. Das die Leser so verschieden sind, sind die auch die Reaktionen erstaunlich unterschiedlich.
    Aber du …. You nailed it!
    Jede Geschichte, exakt so wie von uns beabsichtigt

    Gefällt 1 Person

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